Ich habe eine Art ‚Tick’: Wenn mir ein junger Mensch begegnet, stelle ich mir oft vor, wie er wohl als
erwachsener oder als alter Mensch aussehen wird; einen Dicken stelle ich mir dünn vor, einen Dünnen dick; jemanden, der im teuren Sportwagen vorfährt, als Hartz-IV-Empfänger, einen Obdachlosen
als reichen Krösus; usw. usw. Und siehe da: Plötzlich wird einem bewusst, dass dieselben Personen zu anderen Zeiten oder unter anderen Umständen ganz
anders dastehen (können), eigentlich eine Binsenweisheit.
Besonders spannend ist es, sich auszumalen, wie alte Menschen wohl früher einmal ausgesehen haben mochten. Dann stelle ich mir vor, wie das Hutzelmännchen, dass sich geduldig auf
sein Laufwägelchen stützt, einmal ein kraftvoller, ungestümer junger Mann war. In den runzligen, aber ebenmäßigen Zügen der alten Dame scheint noch ein Hauch ihrer einstigen Schönheit hindurch.
Und wenn alte Menschen lächeln, sind sie plötzlich wieder jung und frisch.
Dazu fällt mir die Anekdote unserer „Hausperle“ ein, einem 86-jährigen rheinischen Original voller Energie, deren hellblauge Augen von Lebhaftigkeit und Scharfsinn sprechen. Sie
erzählte mir vor einigen Wochen auf dem Flur, wie sehr es sie störe, dass sie inzwischen so dick sei (und das ist sie). Als junge Frau sei sie rank und schlank gewesen, hätte nur hochhackige
Schuhe getragen und auf ihr Äußeres, besonders ihre Frisur, großen Wert gelegt. Und strahlend fügte sie (auf rheinisch) hinzu: „Stellen Sie sich vor, einmal war ich mit meiner Schwester beim
Arzt, einem Professor xy. Später sagte er zu meiner Begleitung: ‚Also Ihre Schwester, die hat ja eine Wahnsinnsfigur!’.“
In solchen Momenten wird die Vergangenheit lebendig, tritt in unsere Gegenwart, auch wenn man sie nicht selbst miterlebt hat. Deswegen sind mir die Geschichten alter Menschen so
wertvoll.
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