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Montag, 14. juli 2008

Diese Geschichte habe ich eigentlich für ein Musik-Forum geschrieben. Weil es aber schon so spät ist, und mir heute nichts Interessantes zum Schreiben einfällt, wird sie nun für die Sprechakt-Leser recycled. Es geht um meine Großmutter und ihre Liebe zum Klavier.


Meine Großmutter mütterlicherseits (Jahrgang 1896), Anna, war auf einem Bauernhof groß geworden. Zudem besaß ihre Familie eine eigene kleine Brauerei und eine Gastwirtschaft im Dorf. Schon als Mädchen musste Anna kräftig mithelfen, z. B. in der Gastwirtschaft oder beim Gänseschlachten (dazu habe ich einen Tagebucheintrag!).

Dass sich unter diesen Umständen ein besonderes musikalisches Talent entfalten konnte, das es vorher in der Familie so nicht gegeben hatte, ist verwunderlich. So saß das Mädchen noch spät abends im abgelegenen Seitenflügel des Hofes am Klavier und übte fleissig. Nach einigen Internatsjahren in einem evangelischen Diakonissenheim durfte sie zunächst ihrer musischen Neigung folgen und ihre Klavierausbildung auf dem Würzburger "Konservatorium" weiter vervollkommnen.

An Männern schien meine Großmutter zunächst kein großes Interesse gehabt zu haben: Mit 30 Jahren war sie immer noch nicht verheiratet, aus damaliger Sicht also schon fast eine 'alte Jungfer'. Schlimmer noch: Nach eigener Aussage wollte sie überhaupt nicht heiraten.

Doch ich greife vor. Zurück zu der Zeit am Konservatorium, die für sie sehr erfüllend gewesen sein muss. Im Gegensatz zu dem, was dann kam. Ich weiss nicht, wie lange meine Großmutter dort bleiben durfte, aber eines Tages beschlossen ihre Eltern, sie vom Konservatorium zu nehmen. Sie sollte stattdessen eine Koch- und Haushaltsschule besuchen. Vielleicht wuchs ihr Protest gegen die Ehe aus der Erfahrung heraus, dass sie, um sich auf Ehe und Hausstand vorzubereiten, ihrer eigentlichen Berufung nicht hatte folgen dürfen?

Es gibt ein Photo aus dieser Zeit: Eine Schar fröhlicher junger, beschürzter Damen in einer Großküche. Nur meine Oma hat ein ernstes Gesicht, den kräftigen Arm in die Hüfte gestemmt, in der anderen Hand verkrampft einen Kochlöffel fassend. Ein anderes, gestelltes Photo zeigt vier hintereinanderstehende Kochschülerinnen mit erhobenen Kochlöffeln. Diesmal lächelt auch meine Großmutter.



Sie sollte eine sehr patente, sehr gute Hausfrau und Mutter werden. Eines Tages wurde es ihren Eltern (wieder einmal) zu dumm, und sie arrangierten ein Treffen mit dem Sohn eines befreundeten Uhrmacher-Ehepaares. Dieser war ein schmächtiger evangelischer Pfarrer (meine Oma dagegen eine recht kräftig gebaute Frau). Nun denn, sie ließ sich dazu überreden, mit dem jungen Mann gemeinsam eine Kirchen-Tour durch Würzburg zu machen. So sah also damals ein 'Date' aus ;-).

Nicht lange darauf heirateten die beiden, meine Großeltern. Mit 32 Jahren wurde meine Oma zum ersten Mal Mutter, insgesamt bekam sie 5 Kinder. Rückwirkend war also die Haushaltsschule durchaus sinnvoll gewesen. Was wäre wohl aus meiner Oma geworden, wenn sie ihren Neigungen hätte folgen dürfen? Vielleicht, wie ihre Cousine, Klavierlehrerin? Wäre sie damit glücklich(er) geworden? Vielleicht wäre ich dann heute nicht auf der Welt ... :confused:

Immerhin, spielen durfte sie auch in ihrem Eheleben wieder: Die Kirchenorgel, und zuhause das Klavier, wenn die Familie die von ihrem Mann gedichteten Verse sang - aber das waren wieder nur Choräle...

Einen schönen Gruß von Sprechakt,
die ihr Talent in unserer emanzipierteren Zeit hätte nutzen können ... wenn sie denn genug Talent gehabt hätte ... ;)

 

von Sprechakt - veröffentlicht in: Musik - Community: Kultur-Schock
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