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Dienstag, 1. juli 2008

Heute wurde ich in der Kölner U-Bahn Zeugin einer Kölner Kleinfamilien-'Idylle'. Meinen müden Blick desinteressiert über die Insassen in dem halbleeren Abteil schweifend, hörte ich plötzlich von der Seite ein leises Schluchzen. Ein vielleicht 6-7-jähriges Mädchen, bildhübsch, saß auf der an den Fenstern befindlichen Sitzreihe und weinte bitterlich in ihr Taschentuch hinein. Ein solches Gesicht habe ich selten gesehen. Das Mädchen war ganz mit sich beschäftigt, schien sich weder für die Fahrgäste, noch für ihre Mutter, die ich nun neben ihr bemerkte, zu interessieren.

Ihre Mutter, zumindest vermute ich, dass es sich um sie handelte, saß da, ein zierliches, ausgemergeltes Gestell in vernachlässigter Kleidung, mit einem schmalen Gesicht, langen, ungepflegten Haaren, die noch einen letzten Hauch von ursprünglichem Glanz und Üppigkeit behalten hatten. Das Gesicht, das ich von der Seite sah, war eingefallen, grau, faltig, ausdruckslos. Eine Drogenabhängige, oder eine ehemalige Drogenabhängige, so erschien es mir. Gelegentlich unterbrach die desinteressiert dreinschauenden Frau das Schluchzen ihrer Tochter, indem sie ihr barsch unschöne kölsche Ausdrücke hinüberwarf. Ich kann mich leider nicht mehr entsinnen, was sie sagte. Aber ich hätte fast mitgeheult ('hoffentlich ist dem kleinen Mädel keine solche Zukunft bestimmt...'). Dann setzte sich noch ein Junge, etwa gleichaltrig mit dem Mädchen und auch recht niedlich anzuschauen, dazu. Die Kinder schauten sich einmal kurz an, und dann hing jedes wieder seinen Gedanken nach.

Als wir über die Deutzer Brücke fuhren und auch das Gesicht der Mutter sich dem Dom-Panorama zuwandte, erkannte ich plötzlich, dass ihre mir zunächst abgewandte Gesichtshälfte böse entstellt war: Sie schien komplett nach unten gesackt, inklusive des rechten Auges, welches dadurch so schräg stand, dass ich zunächst dachte, es sei überhaupt keines mehr vorhanden. Die Schläfe war eine einzige schwulstige, braune Brandnarbe und schob sich mit der restlichen rechten Gesichtshälfte nach unten. Verstohlen und ein wenig verschämt, ja fast schuldbewusst schaute ich das Mädchen an, dann wieder die Mutter, dann wieder das Mädchen. Ob die Mutter auch einmal so hübsch gewesen war, wie die Tochter? Was mochte mit ihr passiert sein? Mit etwas Phantasie konnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Mutter als junge Frau ein ‚heißer Feger’ gewesen war. Ob die Kinder Hilfe brauchten? Zumindest der Junge sah aber aufgeweckt und ganz ‚normal’ aus, wie ein kleiner Junge eben, der sich die Haare igelmäßig nach oben gelt und bemüht ist, cool zu sein. Das Mädchen wiederum schaute recht verloren und unglücklich drein, auch nachdem es aufgehört hatte, zu weinen.

Heumarkt. Die U-Bahn hält, Mutter und Kinder steigen aus, genauso wie ich, und laufen ein Stück von mir entfernt in Richtung Ampel. Scheinbar eine ganz normale Familie, aus der Ferne betrachtet.

 
 

Diese Episode brachte mich auf einen Gedanken, der mir schon davor mehrmals durch den Kopf geschwirrt war: Warum nicht Patenschaften bilden für Kinder, die in schwierigen Familienverhältnissen aufwachsen? Die Idee ist nicht neu, ähnliches wurde bereits in einigen Städten verwirklicht, wie ich las. Dort kümmern sich Erwachsene regelmäßig um ein bestimmtes Kind, machen zusammen Hausaufgaben, lesen, unternehmen etwas.

Denn wie viel Potential geht verloren, und umgekehrt, wie viel Sprengstoff braut sich zusammen, bereits im Kindesalter! Das werde ich noch weiter verfolgen, und gegebenenfalls darüber berichten. Oder vielleicht hat ja einer meiner Leser Tipps und Erfahrungen in dieser Richtung?

von Sprechakt - veröffentlicht in: Engagement - Community: Kultur-Schock
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