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Sonntag, 29. juni 2008

                                                                                
                                                                                          




                                                                                                           

                                                                                               Dr. Dr. Ernestine P.

Ich habe zwar gerade keine biorhythmische Hochphase, aber aus aktuellem Anlass will ich mich doch dazu durchringen, das versprochene Kommentar zur Fußball-EM zu schreiben. Noch dazu am Sonntag. Dabei würde ich jetzt viel lieber mit meinem Mann auf der Terasse sitzen und mich so richtig verwöhnen lassen – mit meiner Lieblingslektüre natürlich, die mir mein Mann immer sonntags von 10.30 – 11.30 vorliest. Ein bisschen Struktur braucht der Mensch. Wenn er seinen Alltag nicht ordnen und strukturieren würde, gäbe es nur Chaos, und man käme nicht weit.

 

– Nun ja, wo ich gerade das Lichtenberg-Zitat des gestrigen Tages gelesen habe: Vielleicht ist es bei Dr. Dr. Ernestine ein wenig zu gut geregelt? Haben mich doch meine zwei Doktortitel bisher auch nur bis zum Status einer Praktikantin geführt ... oleum et operam perdidi! ... seufz. Und doch: factum fieri infectum non potest. Das muss ich einmal ernsthaft überdenken. Für solcherlei Grübeleien habe ich mir aber meine 25-minütige Meditationszeit, gleich nach der sonntäglichen Ovid-Lektüre, eingerichtet, statt Kirche sozusagen. Denn: dum spiro spero.

Jetzt bin ich aber doch sehr unstrukturiert ins Plaudern geraten – das muss der Einfluss des Chaoten-Sprechakts sein.

 

Eigentlich geht es ja heute um die Fußball-WM. Joachimus Leo – mein Jogi, der Held der WM ... äh, EM! Auch wenn ich mich für Fußball nur zu Weihnachten und Ostern interessiere, äh, ich meine zur WM und zur EM (meine Güte, heute morgen bin ich aber außergewöhnlich schusselig ... das macht der umgeworfene Zeitplan!): In diesen Tagen bin ich der größte aller Fußballfans. Ich schäme mich nicht, das zuzugeben, denn panem et circenses bewegen die Welt schon seit römischer Zeit. Mein Gladiator, Leo, auch genannt dux montis (‚Bergführer’), wird ja das Geschehen nur von außen leiten dürfen und nicht selber in die Arena steigen. So läuft er wenigstens nicht Gefahr, selbst Opfer der taurorum hispanicorum zu werden. Zum Glück heißt es heute aber nicht mehr vincere aut mori.

 

Nachdem ich hier nun anhand der lateinischen Zitate meiner humanistischen Bildung alle Ehre erwiesen habe (‚Sprechakt’ riet mir, ich solle nicht zu dick damit auftragen, nachher glaubten die Leser noch, ich würde mir sämtliche Zitate bloß aus dem Internet herausfischen! Honi soit qui mal y pense ...), möchte ich doch ‚medias in res’ gehen: Den Fußballfans.

 

Ist Ihnen auch aufgefallen, dass dieses Jahr die lautesten und am auffälligsten in Erscheinung tretenden Fans die Frauen sind? Seit ich denken kann, waren es immer die Männer, die das ‚Geschehen am Rande’ dominiert haben. Fußball pflegte eine Domäne der Männer zu sein, und Frau schaute sich die Spiele allenfalls mit an, damit der Mann dann am anderen Tag mit ihnen ‚shoppen’ ging.

 

Während der Spiele Deutschland-Portugal und Deutschland-Türkei ist es mir erstmals ins Auge gesprungen, ein ganz neues Phänomen: Die Männer saßen da, meist stumm, angespannt, gelegentlich kommentierend, gelegentlich aufschreiend, gelegentlich jubelnd. Die Frauen, oder zumindest einige ihrer unüberhörbaren Exemplare, hörten den ganzen Abend nicht auf, lautstark anzufeuern, und in einer Tour zu kommentieren, um nicht zu sagen, zu ‚fachsimpeln’! Sie schienen sich ausgiebig mit den Spielern und ihren Qualifikationen beschäftigt zu haben. Ich hätte, wenn schon, eher Sätze wie „hach, der Lehmann, der ist ja so süß, hoffentlich kriegt er keinen rein ... schade, dass der schon ‚ne Freundin hat“ oder ähnliches erwartet. Während sich die Männerfraktion hauptsächlich durch explosionsartige Unterbrechungen eines ansonsten angespannten Schweigens bemerkbar machte, lieferten die Frauen ihrer Umgebung eine Gratis-Spielkommentation. Wie schön für all jene, die das hören wollten.

 

Nach dem Spiel dann folgendes Szenario: Frauengrüppchen ziehen johlend und kreischend durch die Straßen. Die unzweifelhaft vorhandenen männlichen Fans müssen schlichtweg von den schrillen Tonfrequenzen übertönt worden sein.

 

Dieses Phänomen hat mich in ernsthafte Grübeleien gestürzt. Denn erstens fragte ich mich, warum die Frauen nicht auch bei der Frauen-WM/EM eine solche Energie an den Tag legen. Oder geht es letztlich doch darum, dass es Männer sind, die sie anfeuern wollen?

Und zweitens: Ist diese Dominanz der weiblichen Fans nur ein weiterer Audruck des erstarkten weiblichen Selbstbewussteins in den ehemals männerdominierten Ebenen, wie schon im Berufsleben und in der Politik sichtbar? Ich persönlich, obwohl ich selber oft genug zur Emanze werden könnte im Gespräch mit der männlichen Spezies, finde, der Fußball ist eine Domäne des Mannes, und wenn Frauen ihnen diese streitig machen wollen, dann wirkt das nur peinlich. Dann sollten sie genauso den Frauenfußball so lautstark unterstützen, das wäre emanzipierter.


Freuen wir uns einfach gemeinsam auf heute Abend. Audaces fortuna adiuvat!

 

von Sprechakt veröffentlicht in: Karriere Community: Kultur-Schock
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