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Tuesday, 27. may 2008 2 27 /05 /Mai /2008 11:19

Liebe Leser,

ich fühle mich sehr geehrt, dass man mich schon an mei-nem ersten Praktikumstag mit einer solch verantwortungs-vollen Aufgabe betraut hat: Einen Artikel für „Sprechakt“ zu verfassen. Diese Gelegenheit möchte ich dazu nutzen, um mich bei allen unseren Lesern zu bedanken: ganz egal, ob sie nur zufällig hier hereingestolpert sind, ob sie gelegentlich oder ob sie regelmäßig diese Seite besuchen und kommentieren (danke besonders an bewe!).

 

Genug der captatio benevolentiae, lassen Sie mich zur Sache kommen. Was nicht ist, kann ja noch werden: Ich hoffe, durch dieses Praktikum endlich die erstrebenswerte Karriereleiter zu erklimmen, und zwar möglichst schnell. Vorab möchte ich folgendes klären: Ich bin achtundreißig Jahre alt, habe noch keine Berufserfahrung und bin eigentlich auch nicht gewillt, mich für irgendeinen Chef krumm zu machen oder gar ernsthaft Dinge zu erledigen, die mir keinen Spaß machen. Und wenn man mir nicht die Zeit gewährt, morgens am Arbeitsplatz zur Beruhigung eine Dreiviertelstunde lang die Metarmorphosen zu lesen (Sie wissen schon: „In nova fert animus mutatas dicere formas corpora ...“), dann ist mit mir erst gar nichts anzufangen.

 

Nun ja, Sie können sich vorstellen, warum ich bei meinen bisherigen Vorstellungsgesprächen nicht sonderlich gut angekommen bin: Da wird keine humanistische Bildung verlangt, sondern hauptsächlich gefälliges und selbstbewusstes Auftreten, eine ausgeprägte Kommunikationsstärke, hohe Motivation und die Bereitschaft, Überstunden zu machen (in den Stellenanzeigen als „Belastbarkeit“ formuliert). Keine von diesen Eigenschaften bringe ich auch nur annähernd mit. Dazu stehe ich auch, und ich habe es meinen „sprechakt“-Leuten auch gleich mitgeteilt.

 

Allerdings vermute ich, dass sie es bei meiner Einstellung hauptsächlich auf die Prämie der "ARGE" abgesehen haben. Aber da haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Ich werde hier nicht nur untätig herumsitzen und Ovid lesen. Nein, ich will mich einbringen, aber nach meinen Regeln, so wie es mir Spaß macht. Ist ja schließlich nur ein Praktikum, für dass ich keinen Pfennig Geld bekomme.

 

Da kann ich wenigstens erwarten, dass morgens, wenn ich anfange, ein frisch gebrühter Kaffee auf meinem Schreibtisch steht (mit zwei Stück Zucker und einem Schuss frischer Milch). Ich möchte außerdem, wenn ich mit meinem diabeteskranken Mann telefoniere, in keinster Weise gestört werden. Auf keinen Fall möchte ich mit Ernestine angesprochen oder gar geduzt werden. Für meine Vorgesetzten bin ich, als Älteste, immer noch Frau Dr. Dr. P.

 

An allen Entscheidungen auf höchster Ebene möchte ich aktiv beteiligt werden. Schließlich hat es uns der amerikanische Star-Wissenschaftler J. R. Purrman 1969 in seinem noch heute gültigen Standardwerk „How to manage down a company in twenty days“ (Kap. 22.3.1.) eindrücklich als enthierarchisierende Maßnahme empfohlen. Mit meiner Hilfe soll auch die Außendarstellung von „Sprechakt“ verbessert werden. D. h., ich werde in Zukunft die PR übernehmen und so ein positiveres Bild dieses bislang doch sehr unprofessionell und chaotisch wirkenden Saftladens vermitteln.

 

Nichtraucher gehen bitte vor die Tür zum Luftholen. Wir wollen uns unsere kreativ-rauchige Stimmung nicht verderben lassen. Alle dadurch entstehenden Reinigungskosten von Kleidung und Zähnen sowie Arztkosten sind von den Nichtrauchern selber zu tragen. Ich arbeite montags, mittwochs und freitags, jeweils von 11-15h. In diesen biorhythmischen Hochphasen verdichtet sich meine Produktivität, dann arbeite ich so viel wie andere in einer ganzen Woche. Zu guter Letzt: Alle Artikel gehen durch meine Schlusszensur ... äh, -korrektur, im Sinne der Verbesserung der Außenwirkung. Und über eine Beförderung oder einen turkmenischen Ehrendoktortitel als Prämie lässt sich auch mit mir reden.

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Wie es zur Einstellung unserer reizenden Dr. Dr. Ernestine P. bei "Sprechakt" kam, erfahren Sie hier.

von sprechakt - veröffentlicht in: Karriere - Community: Kultur-Schock
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